„Lieber Leser …“ oder: 5 gute Texteinstiege für Online-Content

20 Sekunden oder 350 Zeichen – mehr Zeit hat man laut dem Journalisten Wolf Schneider nicht, um den Leser von einem Text zu überzeugen. Schön und gut, denkt sich der Online-Redakteur, aber wie überzeuge ich bei Texten über Wegwerfwindeln, Schraubenzieher oder Gelenksalbe? Solche Themen bringen selbst den besten Schreiberling an seine Grenzen. Wir stellen fünf Möglichkeiten vor, wie Sie auch bei trockenen Inhalten einen interessanten Texteinstieg schaffen.

Was haben Schaufenster und Texteinstiege gemeinsam?

Der Texteinstieg hat genau ein Ziel: Er soll den Leser zum Weiterlesen anregen. Der Einstieg ist das Schaufenster des Textes. Ansprechend gestaltet weckt es das Interesse und animiert dazu, das Geschäft zu betreten. Ist es langweilig oder nachlässig dekoriert, geht der Leser weiter zum nächsten Laden. In der Fußgängerzone des Internets gibt es schließlich genug Auswahl. Erschwerend kommt hinzu, dass das Lesen am Bildschirm anders funktioniert als auf dem Papier. User scannen den Artikel, statt ihn Wort für Wort zu lesen. Nach wenigen Sekunden treffen sie die Entscheidung, ob sie weiterlesen oder weiterklicken. Umso wichtiger ist das Schaufenster – der Texteinstieg.

Die düstere Wahrheit: Von Schrauben, Gartenstühlen und Heimtierbedarf

Machen wir uns nichts vor: Online-Inhalte bestehen nicht nur aus Cat-Content. Auch Hubwagen, Prostata-Medikamente und Business-Software wollen betextet werden. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die solche Themen spannend finden – großartig! Doch wer für den Kunden und nicht für sich selbst schreibt, trifft häufiger auf Themen, die die Kreativität auf ganz eigene Art fordern. Darüber einen ansehnlichen Text mit einem einladenden Einstieg zu schreiben, ist keine leichte Aufgabe.

Auch die Textart beeinflusst den Texteinstieg. Einen Blogtext für junge Mamis beginnt man anders als einen klassischen Kategorietext für einen Online-Shop für Sportartikel. Kundenwünsche wie ein nüchterner Schreibstil oder Zeichenbegrenzungen schränken den Redakteur zusätzlich ein. Die Zielgruppe des Textes ist ebenfalls zu berücksichtigen: Bei jungen Erwachsenen funktioniert ein lockerer Schreibstil, bei Versicherungskunden im mittleren Alter wirkt Jugendsprache deplatziert.

Fünf Einstiege, die (meistens) funktionieren

Recherchiert man im Internet nach Texteinstiegen, klingt die Einleitung wie die einfachste Sache der Welt. Doch wer hat nicht schon mal minutenlang auf den blinkenden Cursor und die weiße Stelle gestarrt, an der eigentlich das erste Wort stehen sollte? Kein Wortspiel möchte passen, eine reißerische Einleitung ist nicht gewünscht, man ist der Verzweiflung nahe. Die folgenden fünf Vorschläge sind weder Allheilmittel noch Pulitzer-Preis-verdächtig, doch selbst der störrischste Text lässt sich mit einer dieser Ideen beginnen.

Eine Situation beschreiben

Im Ofen knistert und knackt es, der Käse auf der Pizza schlägt Blasen und in der Küche duftet es nach italienischen Kräutern.

Beschreiben Sie eine Situation, die der Leser nachvollziehen kann und die Emotionen weckt. Das funktioniert nicht nur beim Essen, sondern auch beim Thema Reisen. Wer gerät bei der Beschreibung eines weißen Sandstrands mit Palmen, Kokosnüssen und Meeresrauschen nicht in Urlaubsstimmung? Doch übertreiben Sie es nicht. Der Einstieg soll kein Roman sein, sondern die Sinne des Lesers mit wenigen, treffenden Worten ansprechen. Zu viele Adjektive, Bandwurmsätze und schiefe Sprachbilder überfrachten den Leser, statt ihm zu helfen, sich in die beschriebene Situation hineinzuversetzen.

Mit einem interessanten Fakt beginnen

Wussten Sie, dass Mensch und Banane zu 50 Prozent genetisch gleich sind? (Quelle: Tagesspiegel)

Interessante oder skurrile Fakten am Anfang eines Textes machen neugierig. Die Betonung liegt dabei auf „interessant oder skurril“. Unerhebliche Informationen wie „Heutzutage besitzt fast jeder Deutsche ein Smartphone“ ermuntern nicht zum Lesen – im Gegenteil. Wenn die Fakten nicht fesseln, verzichten Sie lieber darauf.

Mit einer Statistik beginnen

Der Fernseher hat noch nicht ausgedient: Im Jahr 2016 nutzten nur 18 Prozent der Deutschen Videostreamingdienste wie Netflix. (Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2016)

Auch Statistiken liefern interessante Informationen und helfen dabei, das Thema des Textes bereits in den ersten Sätzen zu umreißen. Achten Sie darauf, dass die Studienergebnisse relevant und aktuell sind und aus einer seriösen Quelle stammen. Bei der Recherche sind Statistik-Datenbanken wie Statista eine große Hilfe.

Mit einem Zitat oder Sprichwort beginnen

„Wenn du in Washington einen Freund haben willst, musst du dir einen Hund zulegen“, soll Harry S. Truman, der 33. Präsident der USA, einst gesagt haben.

Pfiffige Zitate von berühmten Personen oder Sprichwörter wecken die Neugier des Lesers oder regen zum Schmunzeln an. Allerdings ist auch hierbei Vorsicht geboten: Das Zitat sollte zum Textinhalt passen und kurz und knackig sein. Achten Sie darauf, dass das Zitat oder Sprichwort nicht zu beliebig ist. Ein Text, der mit „Der Hund ist der beste Freund des Menschen“ beginnt, wird nur wenige Leser in seinen Bann ziehen.

Mit einer Frage beginnen

Die Augen fühlen sich gereizt an, brennen oder tränen – welcher Kontaktlinsenträger kennt diese Probleme nicht?

Steigen Sie mit einer Frage in den Text ein, wenden Sie sich direkt an den Leser. Fühlt er sich angesprochen, liest er weiter. Gerade bei informativen Texten wie Ratgebern, die die Lösung eines Problems versprechen, ist das sinnvoll. Sie können dafür Fragen verwenden, die sich mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten lassen („Leiden Sie auch oft unter trockenen Augen?“), offene Fragen oder rhetorische Fragen wie im genannten Beispiel. Bei dieser Art von Fragen besteht allerdings immer die Gefahr, dass Sie einigen Lesern das Gefühl geben, nicht zur Zielgruppe des Textes zu gehören. Brillenträger werden bei einem solchen Texteinstieg beispielsweise nicht weiterlesen.


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