19.500 Besucher und über 400 Panels, Vorträge und Workshops – die re:publica festigt ihren Status als größte Konferenz für Digitales in Europa Jahr für Jahr aufs Neue. Das alljährliche Klassentreffen der Netzgemeinde Anfang Mai in Berlin ist elf Jahre nach seiner Gründung groß und erwachsen geworden. Und weil man jetzt älter und weiser ist, macht man sich – ganz, wie es gute Eltern so tun – vor allem Sorgen um sein Kind: das Internet. Vorbei sind die euphorischen Jugendjahre. Viel diskutiert wurde in diesem Jahr über die Gefahren der Technik und nicht allein über deren Möglichkeiten.

Kein Wunder. Schaut man sich die News und Diskussionen der letzten Monate und Jahre an, geht es nur noch selten um die Chancen, die das Digitale bietet. Fake News, Hate Speeches, Algorithmen, Big Data, Filterblasen und Social Bots sind nur einige Schlagworte, die einen fahlen Beigeschmack hinterlassen. So stand die diesjährige re:publica unter dem Motto „POP“. Pop wie „Popularität“, aber auch wie „Populismus“ und erst recht wie „Power of the People“. Denn irgendwie ist das Internet doch Spielplatz aller und sollte nicht von ein paar großen Anbietern dominiert werden. Oder wie Chelsea Manning passend in ihrer Keynote auf der re:publica meinte: „Nicht darauf warten, dass sich Institutionen ändern, sondern sich selbst ändern.“ Herauskommen aus der Filterblase.

 

#tag1: Beschnuppern

Der erste Tag auf einer großen Konferenz beginnt ganz klassisch mit Warten – in einer doch sehr, sehr langen Schlange. Da verpasst man schon mal die Eröffnungsrede, hat aber ein wenig Zeit, sich mit dem Gelände vertraut zu machen und bei einer Tasse Kaffee noch einmal den Zeitplan für die Woche durchzugehen. Bei dem breiten Angebot kann man schließlich schnell den Überblick verlieren. Hinzu kommt, dass gleichzeitig mit der re:publica seit fünf Jahren die MEDIA CONVENTION Berlin (MCB) in der STATION Berlin stattfindet – einer der wegweisenden Medienkongresse in Europa. So gibt es für den interessierten Besucher für ein Ticket gleich zwei Konferenzen.

Für mich beginnt die re:publica 2018 so richtig mit dem Fireside Chat mit Chelsea Manning, einem der Popstars der Konferenz. Die Sache mit dem Platz bei den Veranstaltungen wird sich später noch als ein Problem herausstellen – nicht selten sind Vorträge überfüllt, und es gibt keinen Einlass mehr. Doch zurück zu Chelsea: Die US-amerikanische Whistleblowerin redet über ihre Zeit im Gefängnis, den Weg zurück ins Leben und darüber, nicht aufzugeben – und nicht zuletzt spricht sie offen darüber, wie ungern sie ein Role-Model sein möchte.

Danach geht es für mich zu etwas, was ganz praktisch mit dem Internet zu tun hat. In kleiner Runde resümieren die Internet-Verlegerinnen Nikola Richter (mikrotext), Christiane Frohmann (Frohmann Verlag) und Zoe Beck (CulturBooks) ein halbes Jahrzehnt Pionierarbeit im digitalen Publizieren – mit all seinen Möglichkeiten und Herausforderungen.

Eigentlich sollte es danach zu einem Vortrag über Chinas Onlinekultur trotz der Great Firewall gehen. Da dort aber nicht mehr reinzukommen war, stolperte ich in eine Diskussion über Smart Regulation. Hier wurde darüber diskutiert, ob Plattformen wie Google und Facebook, die Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung haben, reguliert werden sollten. Im nächsten Vortrag ging es gleich wieder um die digitale Öffentlichkeit, diesmal aus einer etwas anderen Sichtweise. Thema war die Frage, was wir eigentlich mit ihr machen. Geht es im Netz nur um Desinformation, spannende Lügen und langweilige Wahrheiten? Oder ist die Debatte vielfältiger? Zwei vielseitige Diskussionspanels also, die in jeweils einer Stunde zwar nicht wirklich befriedigende Antworten geben konnten, aber auf jeden Fall Denkanstöße lieferten.

Sehr beeindruckt war ich vom für mich letzten Vortrag des Tages auf der re:publica. Die kanadische Medienwissenschaftlerin Wendy Chun referierte mit einer Lebendigkeit über ihr Thema, dass man ihr mit Leichtigkeit folgen konnte. Sie sprach darüber, wie Technologien, sobald sie erst alltäglich geworden sind, uns in unserem sozialen und wirtschaftlichen Leben beeinflussen. Aus Gewohnheiten werden Handlungsmuster, die uns zu Gleichen unter Gleichen machen – auch im Netz.

 

#tag2: Mittendrin

Am zweiten Tag hatte ich mich schon etwas gewöhnt an alles und ertrug deshalb auch „Überraschungen“. Eine neue Session wurde für den Morgen angekündigt: Reconquista Internet mit Jan Böhmermann, Patrick Stegemann und Rayk Anders sowie Sibel (Deckname). Dabei ging es nicht nur um den Discord-Server Reconquista Internet, der Ende April von Böhmermann als Gegengewicht zu dem rechtsextremen Troll-Server Reconquista Germanica ins Leben gerufen wurde, sondern generell um rechte Netzaktivisten. Böhmermann war zwar nur per Video zugeschaltet, aber wie bei vielen anderen bekannten Namen auf der re:publica zieht der Name natürlich.

Der zweite Tag der re:publica fiel mit dem Internationalen Tag der Pressefreiheit zusammen. Kaum verwunderlich also, dass sich zahlreiche Sessions mit themenrelevanten Vorträgen präsentierten. In einem halbstündigen Vortrag berichteten die Journalisteninnen Lena Kampf und Anuška Delić über das Daphne Projekt. Nach dem tödlichen Mordanschlag auf die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia am 16. Oktober 2017 nahmen sich 45 Journalisten von 18 Medieneinrichtungen aus 15 Ländern ihrer Arbeit an und führen ihre Recherche weiter. Dabei geht es auch darum, den Druck auf die Behörden zu erhöhen, damit Daphnes Mörder gefasst werden. Morde an Journalisten, willkürliche Verhaftungen, Folter, Einschüchterungen und die Beschlagnahmung von Recherchematerial sind längst kein entferntes Problem mehr, sondern auch in Europa präsent.

Nach so viel Ernsthaftigkeit durfte es ein wenig gelassener zugehen – und wer eignet sich da besser als die Jugend? In ihrem Vortrag „Selbstbewusst aufwachsen mit (und trotz) Social Media“ stellte sich die 20 Jahre alte Nora Wunderwald die Frage, wie das Aufwachsen mit Vorbildern aus dem Netz sie und andere junge Menschen beeinflusst. Gleichzeitig präsentierte sie ihre Online-Plattform TIERINDIR, auf der sie sich zusammen mit zwei Mitgründerinnen ihre ganz eigenen Vorbilder aussucht. Im nächsten Vortrag referierte Charles Bahr, der jüngste Gründer Deutschlands, darüber, wie Unternehmen die Generation Z, die sogenannten Digital Natives, noch erreichen. Wirklich Neues erzählte aber auch er als Anhänger dieser Generation nicht – vielleicht muss man doch seine Agentur buchen, um wirkliche Einblicke zu bekommen.

Einen unterhaltsamen Ausklang des Tages bot die Session „99 ganz legale Netzbastel-Tricks“ von Moritz Metz. Ich hatte mir darunter irgendwas Unkonkretes vorgestellt wie unnötige Fertigkeiten für das Surfen im Netz. Zu meiner Überraschung ging es aber wirklich ums Basteln. Moritz ist nämlich Moderator bei Deutschlandfunk Nova und hat dort eine Radio-DIY-Sendung namens Netzbasteln. Klingt erst mal abwegig, dass jemand Selbstmach- und Basteltipps über den Äther schickt, aber es war auf jeden Fall unterhaltsam (und natürlich lassen sich die Sendungen als Podcast im Internet nachhören beziehungsweise inklusive Text zur Sendung und gegebenenfalls Bildern nachlesen). Internet, Radio und Basteln scheinen also durchaus zusammenzupassen.

#tag3: Ausklingen lassen

Zugegeben, am dritten Tag war ich doch leicht ermüdet vom vielen Sitzen und Zuhören. Aber sich nur um das leibliche Wohl zu kümmern oder sich im Bällebad zu tummeln wie Kinder bei McDonalds, war nicht wirklich eine Option. Also rein ins Vergnügen mit einem Vortrag zu Content Marketing und Native Advertising. Ein viel diskutiertes Thema in den letzten Monaten, gerade in Bezug auf Instagram. Die Session mit Cornelia Holsten, Franziska von Lewinski, Vreni Frost und Geraldine de Bastion sorgte auf jeden Fall für ein paar neue Denkanstöße zum Thema, vor allem, wenn man sich vorher nur eher oberflächlich damit auseinandergesetzt hatte.

Etwas spannender und anschaulicher wurde es beim Vortrag von Graham Roberts von der New York Times. Der „Director for Immersive Platforms Storytelling“ sprach darüber, welche Erfahrung das Medienhaus mit dem Einsatz von Augmented Reality (AR) zu den Olympischen Winterspielen und darüber hinaus gesammelt hat. Ähnlich informativ war der Vortrag von Milena Glimbowski zu Öko-Aktivisten im Netz. Die Gründerin von Original Unverpackt gab einen anschaulichen Einblick, wie die Zero-Waste-Bewegung das Netz, vor allem Social Media, für ihre Sache nutzt.

Zum Abschluss der re:publica ging es noch einmal rüber ins nahe Technikmuseum, denn auch dort fanden donnerstags und freitags einzelne Fachvorträge statt. In der Abschlusssession „Snackable Content entlang der Customer Journey“ präsentierten Fernanda Conti von Stabilo und Phillipp Thurmann von Buddybrand, wie der Stifthersteller aus Heroldsberg ein analoges Produkt mit dem Internet verbindet, um seine Kunden zu erreichen. Alles in allem ein interessanter Einblick auch in die internationale Kommunikation eines global agierenden Unternehmens.

Keine schnellen Lösungen in Sicht

So viele spannende Vorträge auf der re:publica, doch es liegt in der Natur der Sache, dass man sich auf einer solchen Veranstaltung nicht alles anschauen bzw. anhören kann. Außerdem war so manche Session ziemlich überfüllt und man hätte doch gerne mehr vom Inhalt mitbekommen. Umso besser, dass man die meisten Sessions online findet. Entweder auf dem offiziellen YouTube-Kanal der re:publica oder auf dem Chanel von ALEX Berlin, wo es alles zur Media Convention gibt. Das abendliche Fernsehprogramm für die nächsten Wochen ist also gesichert.

Wer die re:publica mit der Hoffnung auf schnelle Lösungen besuchte, wurde enttäuscht. Gesellschaften sind komplex, und da macht die digitale keine Ausnahme – wer einfache Antworten auf komplizierte Fragen liefert, ist ein Schwindler. Alles andere erfordert Zeit, ein wenig Muße und den Einsatz der Netzgemeinschaft, die sich die Vielfältigkeit und den Spaß von ein paar wenigen im Internet nicht nehmen lassen möchte.

Wer auch am Ende der Veranstaltung noch nicht genug hatte von der re:publica, konnte am nächsten Tag zum Netzfest erscheinen. Mit dem ersten digitalen Volksfest im Park am Gleisdreieck wollen sich die Veranstalter für ein breites Publikum öffnen. Dafür widmete man sich aktuellen digitalen Themen des Alltags, versuchte, komplexe Inhalte leicht verständlich zu präsentieren und neue Perspektiven aufzuzeigen.

 
Übrigens: Wer mit einem Digital Native unter einem Dach wohnt, kann sich überlegen, ihn zur Jugendversion der re:publica zu schicken. Die TINCON – teenageinternetwork convention richtet sich an Jugendliche zwischen 13 und 21 Jahren, für die das Internet eine Selbstverständlichkeit ist – was aber noch lange nicht bedeutet, dass man darüber den gesellschaftskritischen Blick verlieren müsste. Und natürlich kommt der Spaß wie auf der re:publica auch nicht zu kurz.


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