„Not knowing AI will be like not knowing what’s going on in this world.“ Diese einleitenden Worte der Moderatoren Aleksandar Stojanovic und Frank Puscher machen deutlich: Künstliche Intelligenz ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen – schließlich steht sie bereits bei vielen in Form eines Smart Speakers im Wohnzimmer. Sie zeigen aber auch: Der Mensch kommt in der heutigen Zeit nicht mehr darum herum, sich mit AI, ihren Errungenschaften und ihren Auswirkungen auseinanderzusetzen.

Genau das haben sich die rund 400 Besucher der Konferenz und die 29 Speaker in den zwei Tracks bei der zweiten AI Masters am 24. Januar 2019 im Café Moskau zur Aufgabe gemacht. Bevor die Zuhörer mit den einzelnen Vorträgen tiefer in die Materie eintauchen durften, wurden sie mit einem Cliffhanger entlassen: Als letzter Programmpunkt des Tages wurde die Verleihung des AI Masters Publicis Awards angekündigt – welches der drei nominierten Start-ups audEERING, epic insights und Plyzer die Auszeichnung gewinnen konnte, wird auch hier erst am Ende des Textes verraten.

Ranga Yogeshwar: Men or machines. Is it them or us?

Den gut besuchten Auftakt der AI Masters bestritt ein sehr bekanntes Gesicht: Der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, unter anderem Moderator der TV-Sendungen „Quarks & Co.“ und „W wie Wissen“, erinnerte zunächst an die biologische Evolution des Menschen. An deren Stelle tritt nun schon seit geraumer Zeit die technische, der wir ebenso furchtlos entgegentreten sollten. Furchtlos meint aber nicht kopflos, denn Yogeshwar hält es für essenziell, künstliche Intelligenz nicht isoliert, sondern in Verbindung mit der sich wandelnden Gesellschaft zu betrachten – gerade in Zeiten von Microtargeting, Manipulationsvorwürfen bei politischen Wahlen und Fake News.

Warum ist es also wichtig, auch im Zusammenhang mit KI eine Ethik zu entwickeln? Ganz einfach: KI kann inzwischen nicht nur menschliche Gesichtsausdrücke lesen und ihnen Emotionen zuordnen, sie kann auch selbst Emotionen erzeugen. Dies bewies er eindrucksvoll anhand eines Tests. Dreimal hörte das Publikum Klaviermusik, dreimal sollte es entscheiden: Spielt ein Mensch oder eine Maschine diese Töne? Die gemischten Handzeichen zeigten deutlich: Darüber, was wir künstlicher Intelligenz zutrauen und was nicht, herrscht inzwischen große Verunsicherung. Kein Wunder, denn die Grenzen verschwimmen laut Yogeshwar zunehmend. Mit Google Duplex kann KI bereits einfache Konversationen führen und zum Beispiel einen Tisch in einem Restaurant buchen oder Gesichter zuverlässiger erkennen als jeder Mensch. Umso wichtiger ist seiner Meinung nach das bewusste Hinterfragen neuer Entwicklungen statt Fortschritt um des reinen Fortschritts willen. „Brauchen und wollen wir das wirklich?“, sollte hier die Leitfrage sein, trotz allem Optimismus und aller Offenheit gegenüber Veränderung.

Ben Royce (Google): Reducing time to insight with AI

Apropos Optimismus: Ben Royce steht künstlicher Intelligenz sehr optimistisch gegenüber – als Mitarbeiter von Google fällt ihm das aber wahrscheinlich auch nicht allzu schwer. Er ist sich sicher: KI wird sich weiterhin auf unsere Lebenswelt auswirken, aber diese Auswirkungen werden vor allem positiv sein. Diese zwei Punkte stellte Royce besonders heraus:

  • Während künstliche Intelligenz in manchen Bereichen zu Stellenabbau führt, schafft sie zugleich ein völlig neues Berufsfeld – das des Data Scientists. Denn wo KI massenweise Daten sammelt und miteinander vernetzt, muss es schließlich auch jemanden geben, der diese Datensätze interpretiert und daraus die richtigen Schlüsse zieht. Ganz nebenbei streute er einige Zitate und Fakten ein, die den typischen Data Scientist charakterisieren. So soll der Job des Data Scientists der sexieste Beruf des 21. Jahrhunderts sein – wer diese Daten wohl erhoben hat?
  • Auch die Zeitersparnis ist für Royce ein erheblicher Faktor: KI kann Daten schneller verarbeiten als jedes menschliche Gehirn und ist inzwischen ähnlich gut darin, menschliche Emotionen zu erkennen. Umso schneller lässt sich zum Beispiel erkennen, wie die geschalteten YouTubeAds bei der gewünschten Zielgruppe ankommen. So lässt sich auch schneller eingreifen und falls nötig modifizieren.

Diskussion: Deutschland als KI-Standort

Kurz vor der Mittagspause folgte der zweite Einsatz für den prominenten Gast Ranga Yogeshwar: Gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Anke Domscheit-Berg, Max Meran von opinary, Martin Unger von WattX und René Lamsfuß von Publicis Media diskutierte er über die Bedeutung von Deutschland als KI-Standort. Per Videobotschaft klinkte sich auch Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung, kurzzeitig in die Debatte ein. Die wichtigsten Standpunkte:

  • In Deutschland nutzt man KI aktuell eher, um Staatsbetrüger ausfindig zu machen – künstliche Intelligenz muss positiver besetzt werden.
  • Deutschland hat qualifizierte Leute, es fehlt allerdings an moderner Infrastruktur (Zitat Anke Domscheit-Berg: „Wir haben nicht mal fucking Glasfaser!“) und an großen Datenmengen, wie sie beispielsweise im Silicon Valley gesammelt werden.
  • Es fehlt an digitaler Bildung für Lehrer und damit auch für Schüler.
  • Die Bundesregierung hat eine Datenethikkommission einberufen, wird aber laut Max Meran den Wandel nicht führend mitgestalten; diese Aufgabe wird weiterhin in den Händen der Unternehmer liegen.
  • Wissenschaftler, die auf diesem Gebiet forschen, müssen hierzulande besser gefördert und bezahlt werden, damit sie nicht von internationalen Unternehmen wie Google abgeworben werden.
  • Deutschland sollte die schärferen Datenschutzbestimmungen als Chance sehen, Dinge neu zu denken und anders anzugehen.

Dirk Ploss (Beiersdorf): Marketing to machines – Wenn der Kunde plötzlich überflüssig wird

Frisch gestärkt von der Mittagspause ging es in den Nachmittag, an dem unter anderem Dirk Ploss, Technologiescout der Kosmetikfirma Beiersdorf (unter anderem Hersteller von Nivea) interessante Zukunftsszenarien entwarf. So kooperiert sein Team zum Beispiel mit Start-ups, die an Technologien forschen, die Akne-Behandlungen mithilfe von Plasma oder Faltenbehandlungen mithilfe von 3-D-Druckern ermöglichen könnten. Zudem zeigte er auf, in welchen Bereichen Beiersdorf KI bereits nutzt oder irgendwann nutzen könnte:

  1. Descriptive: KI-basierte Massenanalysen der Produktbewertungen von Kunden
  2. Predictive: Effektivere Ansprache der Kunden durch Untersuchung der bisherigen Klickraten
  3. Prescriptive: Eine künstliche Intelligenz ordert Produkte für den Konsumenten, bevor sie überhaupt benötigt oder aufgebraucht werden.

Besonders das letzte Beispiel zeigt: In Zukunft müssen Marken eher einen Algorithmus statt einen Menschen überzeugen. Denn schon jetzt ist Amazons Alexa in der Lage, Produkte vorzuschlagen und auf eine virtuelle Einkaufsliste zu setzen – selbstverständlich bevorzugt Alexa hier Amazons Eigenmarken. Hersteller sollten also künftig KI als relevante Größe in ihre Marketingmaßnahmen einbeziehen.

Julia Koch (Entrance Robotics): Die beste Kombination von AI, IoT und Robotics

Gegen Ende der Vorträge wurde AI nochmal besonders greifbar: Julia Kochs Vortrag über Robotics und AI ließ bei dem einen oder anderen sicher verklärte Kindheitserinnerungen wiederaufleben – C-3PO und R2-D2 ließen grüßen. Zunächst ging sie auf einige Leitsätze der Gesellschaft für KI ein:

  • Potenziale nutzen
  • Chancen ergreifen
  • Lebensqualität verbessern
  • Zukunft gestalten

Entrance Robotics hat unter anderem die Roboter Pepper und Nao entwickelt, von denen sich bereits 45 Stück im Einsatz befinden – wer auch schon 2018 auf der AI Masters zugegen war, wird sich an Pepper erinnern, der damals im Foyer sein Können unter Beweis stellte. Julia Koch sprach aber nicht nur über bisherige Errungenschaften, sondern zeigte anhand von Beispielen, auf welchen Gebieten KI und Robotik bereits nützliche Synergien entwickelt haben oder noch entwickeln könnten:

  • Bereits in vielen Unternehmen Praxis: Chatbot-Lösungen, die filtern und Kundenanfragen beantworten
  • Roboter im Smart Home, zum Beispiel als Haushaltshelfer oder Barista
  • Einsatz im Kundenservice, zum Beispiel an Bankschaltern
  • Roboter als Assistenten in der Pflege, etwa um Routineaufgaben wie Vitaldatenmessungen zu übernehmen oder mit Spielen zur Beschäftigung zu dienen
  • Roboter in der Kinderbetreuung zur Unterhaltung oder auch als seelische Unterstützung

Bei allem Optimismus spielt ein ethischer Umgang mit AI auch bei Entrance Robotics eine wesentliche Rolle. Nicht umsonst erwähnte Koch das erste Gesetz der Robotik: Ein Roboter darf keinem Menschen Schaden zufügen.

Der AI Masters Publicis Award – welches Start-up hat gewonnen?

Bevor die Teilnehmer bei Live-Musik und dem einen oder anderen Feierabendbier oder -wein die Vorträge Revue passieren ließen und fleißig Kontakte knüpfen konnten, verkündete Publicis Media noch den Gewinner des AI Masters Awards. Aus über 100 Bewerbern wurden drei Finalisten ausgewählt – am Ende setzte sich epic insights durch. Das Start-up aus Jena konnte mit seinem E-Commerce-Konzept „epic Ai“ überzeugen, das pro User-Session unzählige Signale clustert und so nicht nur die Kundenzufriedenheit steigert, sondern auch mehr Conversions generiert.

Ein inspirierender Abschluss eines spannenden Tages, der vor allem der unermüdlichen Arbeit des Organisations-Teams zu verdanken ist. Danke für eine tolle AI Masters 2019!


«

»

Dieser Artikel wurde 968 Mal gelesen.

Performics ist bekannt aus:
Werde Performics Fan auf Facebook & Twitter